Das Bedürfnis des Menschen nach Berührung

 

Auf dem Gebiet der Cranio Sacral Arbeit habe ich zwei Ausbildungen gemacht. Meine erste natürlich in Österreich. Eine weitere habe ich ein paar Jahre später in Deutschland absolviert. Beide waren hoch interessant und ich möchte keine einzige Unterrichtsstunde missen.

 

Es gab bei beiden ein ganz großes Thema: die Anatomie des menschlichen Körpers.

 

Aber die tiefsten Emotionen, die größten Glücksgefühle bei meinen KlientInnen erreiche ich mit etwas anderem.

 

Und davon möchte ich heute erzählen.

Das Wunderwerk Mensch hat Bedürfnis nach Berührung

Mai 2020. Ich bin in der Wachau.

 

Die strengen Lockdown-Regelungen auf Grund der Corona-Pandemie werden in Österreich gelockert.

 

Endlich.

 

Wochenlang habe ich meine Praxis geschlossen gehabt. Aber jetzt geht es wieder los. Ich darf wieder arbeiten. Meine Freude ist entsprechend groß.

 

Die erste Behandlung verläuft sehr gut, es handelt sich um einen älteren Menschen.

 

Dann klappe ich das Behandlungsbett meiner mobilen Praxis zusammen und beginne, das Equipment wie Decke, Desinfektionsmittel usw. einzupacken. Da schaut mich mein Klient an. Er sieht mir tief in die Augen und ich merke richtig, dass er aus seinem tiefsten Herzen etwas sagen möchte: 

 

„Das Schönste und Tollste war, als Sie mich an den Schultern einfach nur gehalten haben“.

 

Wow.

 

Das ist eines der besten Komplimente, das ich erhalten kann.

Anatomie ist unerlässlich. Immer. Fast immer.

Aber mal ehrlich: ich habe unendliche viele Stunden an Anatomie-Wissen gebüffelt. Mir wurde bewusst, dass die lateinische Bezeichnungen eigentlich super sind, denn wenn man diese übersetzt, weiß man (meistens) ganz genau, wo sich zB. der Muskel befindet. Also ich finde, dass es viel Sinn hat, auch die lateinischen Bezeichnungen zu kennen.

 

Aber eine solche Aussage meines Klienten wirft alles Gelernte über den Haufen. Da ist es komplett egal, den genauen Ursprung und Ansatz von Muskeln zu kennen. Alles Komplizierte, alles Gelernte wird mit einem Schlag unbedeutend!

 

Denn meine Berührung an den Schultern war komplett ohne bewusstem, anatomischen Wissen ausgerichtet.

 

Einfach den Menschen nur fühlen lassen, empfangen lassen. Eine Berührung kann etwas: nämlich Wunder wirken. Davon bin ich absolut überzeugt.

Körperkontakt ist wichtig. Was bei einer Berührung passiert.

Aber was passiert da eigentlich? Was geschieht in solchen Momenten im Körper?

 

Jetzt, in Zeiten der extremen Einschränkungen wie zB der Corona-Pandemie, fehlt den Menschen vieles. Aber sehr oft ist es das Soziale, die Nähe zu anderen Personen, zu den geliebten Menschen. Und noch mehr geht einem eine einfache Umarmung, eine Berührung ab.

 

Denn sie ist so wichtig wie das Atmen!

Ein Muttertag wie kein anderer.

Ich gehöre zu jenen Menschen in Österreich, die sich streng an die Vorgaben der Regierung gehalten haben. Also keine Sozialkontakte. Und so kam es, dass ich meine Mutter von Mitte März, als der Lockdown des Landes verkündet wurde, bis Anfang Mai nicht gesehen habe.

 

Damit meine ich natürlich persönlich, denn zum Glück ist meine Mutter technisch mit dem Smartphone „up to date“ und somit konnten wir jeden Tag mittels WhatsApp videotelefonieren. Was für ein Glück, dass das funktioniert hat!

 

Muttertag 2020 war heuer im Vergleich zu den Vorjahren sehr zurückhaltend und eingeschränkt. Trotzt der Freude des Wiedersehens, gab es keine Umarmung, keine Busserl links und rechts.

 

Alles Opfer der Pandemie. Aber hoffentlich alles, um dieses Virus endgültig bald besiegt zu haben.

Die Haut, das größte Organ des Menschen.

Doch schauen wir uns mal an, was sich bei einer Berührung eigentlich ereignet.

 

Auf der Haut sind unendlich viele Rezeptoren, die Informationen ans Gehirn weiter geben und - zB. bei einer Berührung oder Umarmung eines geliebten Menschen -  ein Gefühl von Glückseligkeit und Freunde, Geborgenheit, Liebe, Zuneigung usw. entstehen lassen.

 

Um es auf den Punkt zu bringen: im Körper entstehen Glückshormone und ebensolche Gefühle. Es wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet.

 

Dieses hilft ua. dem Organismus, die stressigen Phasen des Lebens besser zu überstehen.

 

Allein zu sein bedeutet für viele Menschen Stress.

 

Puren Stress.

 

Und davon gab es heuer mehr als genug. Ich brings auf den Punkt: viel zu viel! 

 

Ein eindrucksvolles Beispiel findet man bei zu früh geborenen Babys. Wenn diese zärtlich mit der Hand gestreichelt werden, während sie im Brutkasten liegen, wachsen und entwickeln sie sich viel besser als jene Babys, die einsam in einem solchen Inkubator liegen müssen. 

Was berührst du öfters? Dein Handy oder einen geliebten Menschen?

Ein Handy ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Aber mal ehrlich: wie viele Male tagtäglich berührst und wischt du über dein Handy?

 

Und wie oft berührst du einen Menschen? Ich weiß, das ist zum Teil auch eine provokante Frage.

 

Wäre es nicht an der Zeit, man darüber nachzudenken? Es ist schon klar, dass ein Handy auch ein Werkzeug ist. Man kann das sicher nicht 1:1 vergleichen.

 

Aber so grundsätzlich sollte und das schon zu denken geben. Wir können mir Berührungen so unendlich viel Gutes tun.

 

Wenn uns diese Krise eines gelehrt hat, dann das: Soziale Kontakte über diverse Medien wie Facebook, Whatsapp, Twitter usw. sind nicht schlecht, um wenigstens mit anderen sprechen zu können, Informationen auszutauschen und Wichtiges weiter zu geben. Um nicht ganz alleine zu sein!  Aber damit ist es einfach nicht getan. Hand aufs Herz: Man kann noch so viel mittels WhatsApp während einer Pandemie plaudern und reden, aber das ersetzt nur zu einem Teil das Bedürfnis von Menschen.

 

Denn dieses ist auch auf Berührungen ausgelegt. 

 

Das Wunderwerk Mensch hat Bedürfnis nach Berührung.

Berührung ist nicht gleich Berührung.

Eines müssen wir uns aber schon bewusst machen. Nämlich über die Qualität der Berührung.

 

Wer hat es nicht erlebt, dass irgendeine Verwandte über 7 Ecken oder eine Nachbarin oder die Freundin einer Freundin der Eltern zu einem gesagt hat: „Du bist aber große geworden!“ Und was folgt oftmals in einem solchen Moment? Man wird zwangsumarmt.

 

Ich kenne niemanden von den Umarmten, die so etwas wirklich angenehm und schön finden. Ganz im Gegenteil: bei solchen Zwangsbeglückungen erreicht man genau das Gegenteil.

 

Der Körper des „Beglückten“ gerät in eine Abwehrreaktion, Stresshormone werden ausgeschüttet und insgeheim hofft man, dass das alles so schnell wie möglich vorbei gehen soll. 

 

Also vermeintlich gut gemeint ist dann halt nicht immer auch wirklich gut für alle Beteiligten. 

Wann hast du das letzte Mal jemanden umarmt?

Mal abgesehen vom Partner bzw. der Partnerin? Wann hast du wen das letzte Mal einfach in die Arme genommen und an dich gedrückt? 

 

Nimm dir 2 Minuten Zeit. Kommst du drauf, dass es erschreckend lange her ist? Oder bemerkst du, dass du im Prinzip nie jemanden umarmst? Ich meine wirklich umarmst! Nicht diese "Quicky-Bussilinks-Bussirechts-Geschichten", die maximal 3 Sekunden dauern.

 

Nein, ich meine ehrlich umarmt!

 

Du muss ja nicht gleich losstürmen und deine Stadt unsicher machen, indem du gratis Umarmungen anbietest (obwohl ich dieser Idee sehr viel Gutes abgewinnen kann).

Schaffst du 7 Umarmungen in 7 Tagen?

Lust auf eine Herausforderung?

 

Nimm dir für die nächsten 7 Tage vor, dass du jeden Tag mindestens einen Menschen umarmst (nicht immer die gleiche Person). 

 

Wenn du magst, dann sag diesen Menschen einfach, dass du dich freust, sie zu sehen. Ich weiß, dass das ziemlich schwer sein kann und deswegen auch relativ selten vorkommt. Es ist nicht einfach, seine Gefühle zuzugeben. Ich denke auch, dass wir alle viel zu selten unseren Freunden und Freundinnen sagen, wie sehr wir sie mögen.

 

Und um das zu unterstreichen, nimm dein Gegenüber einfach in die Arme.

 

Die Überraschung wird dir sicher sein! Und noch eines: das Glücksgefühl, das du beim anderen auslöst!

 

Schreib mir unten in den Kommentaren, wie es dir dabei ergangen ist! Los, trau dich! Es wird ein schönes Gefühl werden! 

 

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